Geplante Teilprojekte für die beantragte zweite Förderphase (2022-2025)

In der ersten Förderphase hat sich die Arbeit des SFB auf die Ausarbeitung sozialtheoretischer Grundbegriffe der Räumlichkeit von Gesellschaft und die empirische Bestimmung qualitativer Merkmale der Refiguration konzentriert. Die empirische Analyse hat zu einer Spezifizierung der sensitizing concepts der Translokalisierung, Mediatisierung und Polykontexturalisierung geführt. Der SFB hat vier gesellschaftlich dominante Raumfiguren identifiziert: Territorialraum, Netzwerkraum, Bahnenraum und Ort.

In der zweiten Förderphase setzt der SFB drei Forschungsschwerpunkte: Er legt (1.) einen Forschungsschwerpunkt auf die Rolle von Konflikten in Prozessen der Raumkonstruktion, insbesondere auch in und zwischen Raumfiguren. Diese konflikttheoretische Fokussierung ist (2.) verbunden mit der vertiefenden Klärung der Polykontexturalisierung und ihrer subjektiven Bewältigung. Diese empirische Aufgabe schließt ein, dass neu sich ausbildende Raumanordnungen bestimmt und differenziert werden.

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Schon in der ersten Förderphase wurden neben Ähnlichkeiten im Hinblick auf die qualitativen Merkmale der Refiguration auch Unterschiede deutlich, die aus Spannungen verschiedener Raumfiguren resultieren. Um die Ähnlichkeiten und Unterschiede, aber auch die vielfachen Verflechtungen der weltweit in sehr verschiedenen Gesellschaften untersuchten Räume in den Blick zu nehmen, wird der SFB die vergleichende Perspektive (3.) der multiple spatialities weiterverfolgen. Dies erlaubt uns methodologisch sowohl nach den gesellschaftlichen Konvergenzen als auch nach den Divergenzen der Refiguration auf verschiedenen Skalen zu fragen, ohne dass Räume vorab als abgegrenzte und voneinander unab-hängige Einheiten gesetzt werden müssen. Der SFB trägt der durchaus auch konflikthaften Vielfalt des räumlichen Wissens, räumlichen Handelns und räumlicher Regime Rechnung, um diese besser verstehen zu können.

Neben den qualitativen Methoden, die zur Beschreibung der Refiguration angewandt werden, wird der SFB in der zweiten Förderphase eine Erweiterung in Richtung quantitative Daten und Mixed-Methods vornehmen. Es werden Raumordnungen in Fallstudien untersucht. Mit der innovativen Verbindung etwa von Panel- mit Raumdaten oder durch neue Mappingverfahren soll die bereits in der ersten Phase begonnene Entwicklung eigenständiger Methoden einer sozialwissenschaftlichen Raumforschung fortgesetzt werden. Weitergeführt wird die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen aus Soziologie, Geographie, Kommunikationswissenschaft, Planung, Architektur und Kunst. Die Stadtanthropologie wird den Fächerkreis nun ergänzen.

A01: Geographische Imaginationen II: Ontologische (Un)Sicherheiten in ländlichen Räumen (Ilse Helbrecht)
Das Teilprojekt untersucht die Bedeutung geographischer Imaginationen für die Erfahrung und Konstitution ontologischer (Un)Sicherheit in ländlichen Räumen: Wie verändern sich imaginierte Formen subjektiven Raumwissens im Spannungsfeld von prosperierenden (Beispiele: Powell River, BC, Kanada und Bad Urach, Baden-Württemberg, Deutschland) und peripherisierten ländlichen Räumen (Beispiel: Burns Lake, BC, Kanada und das Seeland, Sachsen-Anhalt, Deutschland)? Damit trägt das Projekt zu einer international vergleichenden Perspektive von Refigurationsprozessen in ländlichen Räumen bei.

A02: Raumwissen Jugendlicher: Die Konstitution von online, offline und hybriden Räumen (Angela Million/Anna Juliane Heinrich)
Aufbauend auf Ergebnissen der ersten Förderphase erarbeitet das Teilprojekt eine Typologie der Raumkonstitutionen Jugendlicher und konzeptualisiert daraus die Verwobenheit verschiedener Raumfiguren. Erforscht werden Einflussfaktoren, die das Raumwissen Jugendlicher prägen. Ein Fokus werden der Einfluss der digitalen Mediatisierung und die Hybridisierung von Raumanordnungen sein. Über den empirischen Vergleich von Berlin (Deutschland) und Lima (Peru) werden relationale Verflechtungen sowie differente Raumwissensbestände herausgearbeitet. Die Ergebnisse bilden einen wichtigen Bestandteil für die Konzeptualisierung der Refiguration von Räumen Jugendlicher.

A03: Waren und Wissen II: Kommunikatives Handeln von Konsumenten und Intermediären (Nina Baur/Elmar Kulke)
Das Teilprojekt untersucht, warum und wie Raumwissen sozial ungleich auf Akteure der Warenketten sowie auf materiellen Infrastrukturen verteilt ist. In der zweiten Phase werden divergierende Raumanordnungen in Nairobi und Singapur als Kontrastfälle analysiert. Bezogen auf Raumkonflikte, liegt der Fokus auf den verschiedenen Raumlogiken, wie etwa zwischen der Logik der Grenzschließung im Territorialraum (Quartier) und der Logik der Grenzöffnung im Bahnenraum (Warenkette) an Orten der Marktentnahme (z. B. Laden, Garküche). Damit liefern die Ergebnisse dieses Teilprojekts wichtige Antworten auf das „Wie“ der Refiguration am Beispiel von Raumwissen in Interaktionen zwischen Konsument*innen und Intermediären (z. B. Lebensmittelhändlern, Garküchenbetreibern) in verschiedenen Raumanordnungen.

A05: Zuhause: Wohnräume und Selbstbilder der kenianischen Mittelschicht (Jochen Kibel)
Aufbauend auf den Ergebnissen der ersten Förderphase, steht die Konstitution eines Zuhauses, als zentraler Prozess der Statusarbeit mittelschichtsorientierter Lebensstile im Fokus. Aufgrund der hohen räumlichen Mobilität kenianischer Mittelschichtsangehöriger werden deren Subjektivierungsformen sowohl in Nairobi (Kenia) als auch in der Diaspora Berlins (Deutschland) aus den alltagsräumlichen Relationen, die im Wohnen relevant gemacht werden, rekonstruiert. Mit der Analyse der Selbstbilder kenianischer Mittelschichtsangehöriger anhand ihrer Wohnräume werden Erkenntnis über die Refiguration auf der Ebene des subjektiven Raumwissens generiert.

A06: Bahnen, Netzwerke und Orte ungleicher Infrastrukturen: Raumfiguren, Einstellungen und soziale Ungleichheit (Jan Goebel/Maria Norkus)
Das neue Teilprojekt untersucht inwieweit die alltagsweltlich erfahrene, räumliche Umgebung von zentralen Infrastrukturausstattungen die Einstellung zu Gerechtigkeit und Umverteilung und die Bewertung der vorliegenden Ungleichheit beeinflusst, die sich zunehmend zu polarisieren und damit die Refiguration zu fördern scheint. Ausgehend vom Wohn- und Arbeitsort der Befragten werden Beziehung, Vernetzung und Überlagerung zwischen ihnen mit Hilfe der SOEP Daten und externen Geodaten in den Blick genommen. Das Teilprojekt bietet damit einen Beitrag zum Zusammenhang von Raum und sozialer Ungleichheit und untersucht die Rolle von Raumfiguren und die mit der sozial-räumlichen Polarisierung verbundenen Refiguration mit Bezug auf normatives Raumwissen.

B01: Peripherisierte ländliche Räume: Digitalisierung und Raumkonstruktionen (Gabriela Christmann/ Ariane Sept) Aufbauend auf Ergebnissen der ersten Phase untersucht das Projekt Digitalisierungsprozesse und digitalisiertes Handeln in peripherisierten ländlichen Räumen. Es fragt danach, wie sich Raumkonstruktionen bezüglich ländlicher Räume in ausgewählten Regionen Chinas und Chiles in diesem Zuge grundlegend verändern. Neben dem Handeln von regionalen Planungsakteur*innen wird das von (regional-)politischen Akteur*innen und Landbewohner*innen analysiert. Im Fokus stehen mögliche Konflikte zwischen Raumfiguren wie dem Territorialraum und dem Netzwerkraum. B01 liefert Erkenntnisse über die Refiguration ländlicher Räume im Zusammenhang mit der Digitalisierung alltäglichen Handelns.

B02: Control/Space: Die Räumlichkeit digitaler Infrastrukturen in Kontexturen, Karten und Diskursen (Hubert Knoblauch/Silke Steets)
In der zweiten Phase erweitert das Teilprojekt seine Perspektive von der digitalisierten Arbeitsweise in Kontrollräumen auf die Räumlichkeit digitaler Infrastrukturen. Wir untersuchen Kontrollräume und Kartographien des Internets sowie Diskurse über digitale Räume und arbeiten vergleichend in Deutschland und Indien. B02 fokussiert unter anderem auf mögliche Konflikte zwischen der Raumfigur des Netzwerks und des Territoriums. Ein Verständnis der Räumlichkeit des Internets liefert wichtige Einblicke in die Refiguration, vor allem im Hinblick auf das Wechselspiel zwischen digitaler Mediatisierung und materiell-technischer Infrastruktur.

B03: Smart People: Queere Alltagshandlungen in digitalisierten Lebensräumen (Martina Löw/Jörg Stollmann)
Aufbauend auf den Erkenntnissen über die südkoreanische smart city Songdo werden in der zweiten Förderphase konflikthafte Platzierungen der Queer- und Stadtplanungsbewegungen in Seoul untersucht. Im Fokus stehen dabei Verhandlungen der heteronormativen soziokulturellen und räumlichen Ordnung durch kommunikative und raumbildende Handlungen der LGBTI+Gruppen und der stadtpolitischen sozialen Bewegungen, sodass mittels der Analyse der räumlichen Refiguration in Südkorea Einsichten in multiple spatialities erarbeitet werden.

B04: Lokative Medien II: Neue Raumwirklichkeiten zwischen Konflikt und Koexistenz (Ingo Schulz-Schaeffer)
Aufbauend auf den Ergebnissen der ersten Förderphase darüber, wie lokative Medien neue Formen der cyber-physischen Raumwahrnehmung und -aneignung hervorbringen, soll in der zweiten Phase der Befund näher erforscht werden, dass mit der Veralltäglichung lokativer Medien eine Polykontexturalisierung raumbezogener Wirklichkeits-konstruktionen stattfindet. Dazu sollen am Beispiel mobiler Empfehlungsdienste, mobilen Gamings und mobilen Datings die neuen cyber-physischen Raumwirklichkeiten unter dem Gesichtspunkt von Konflikt und Koexistenz untersucht werden. B04 liefert somit wichtige Erkenntnisse über die Auswirkungen von verschiedenen Nutzungsformen lokativer Medien auf die Refiguration urbaner Räume.

B05: Translokale Netzwerke II: Raumkonflikte und Klimagerechtigkeit in sozialen Medien (Barbara Pfetsch)
Ausgehend von den Ergebnissen der translokalen Vernetzung in digitalen Stadtöffentlichkeiten aus der ersten Förderphase, untersucht das Teilprojekt B05 Diskurse zu Konflikten um Raum und natürlichen Ressourcen in den USA, Brasilien, Deutschland und Israel und wie diese auf Social Media-Plattformen verhandelt werden. Mit dem Fokus auf der Translokalisierung von digitaler Kommunikation arbeitet das Teilprojekt eine Perspektivierung konflikthafter räumlicher Arrangements als Treiber und Ergebnis von Refigurationsprozessen heraus.

C01: Die Grenzen der Welt II: Konflikte und Spannungen makroterritorialer Grenzbildung (Steffen Mau)
Der Fokus des Teilprojektes liegt in der zweiten Förderphase auf makroterritorialen Grenzbildungsprozessen und untersucht regionale Integrationsvorhaben – als eine Ebene zwischen globaler Dimension und nationalstaatlichen „Containern“ – und deren Wirkung auf Personenmobilität. Im Fokus steht die Kollision und Verschränkung unterschiedlicher Grenz- und Raumfiguren und der Prozess der Herausbildung neuer Raumanordnungen. Anhand von drei exemplarischen Fällen in unterschiedlichen Weltregionen (EU; Mercosur, ECOWAS) untersucht C01, wie sich die Zirkulation im Inneren und über makroterritoriale Grenzen hinweg verändert und welche Raumkonflikte durch regionale Integration auftreten können. Die Ergebnisse des Teilprojekts bieten wichtige Antworten auf die Frage der Refiguration von Grenzräumen.

C05: Das städtebauliche Mikroklimaregime: Die Konstitution von Räumen und Infrastrukturen der Hitze (Ignacio Farías)
Als neues Teilprojekt untersucht CO5 die gegenwärtige Formierung eines städtebaulichen Mikroklimaregimes für die Minderung der negativen Effekte des städtischen Wärmeinseleffekts. Anhand zweier Fallstudien zu Pionierstädten in diesem Bereich, nämlich Stuttgart (Deutschland) und Fukuoka (Japan), werden drei durch Konflikte geprägte Momente dieses Regimebildungsprozesses erforscht: die Problematisierung städtischer Hitze, die Infrastrukturierung hitzeresilienter Räume sowie die translokale Zirkulation von entsprechenden Instrumenten und Ansätzen. Das Teilprojekt liefert wichtige Erkenntnisse über die Auswirkungen von Klimakrise und Klimapolitik auf die Refiguration von städtischen Räumen.

C06: Streaming-Serien: Raumgeschichten und Produktionsregime bei Afronovelas (Séverine Marguin)
Dieses neue Teilprojekt wird die Produktion von kollektiven Raumgeschichten westafrikanischer Mittelschichten anhand von den Unterhaltungsserien Afronovelas untersuchen. Diese Raumgeschichten werden sowohl fimanalytisch als auch raum- und kultursoziologisch im Kontext ihrer Produktionsregime erforscht. Im Fokus der Untersuchung stehen, wie die jeweiligen Produktionsregime die Logiken von Raumfiguren (re-)produzieren und welche Konflikte dabei auftreten. Als refigurierende Ordnungen liefern die Produktionsregime wichtige Erkenntnisse zu Dekolonisierung und Mediatisierung von Prozessen der Refiguration von Räumen.

C07: Plattformökonomie: Raumkonflikte um Airbnb zwischen weltweiter Vermarktlichung und territorialer Einhegung (Stefan Kirchner)
Das neue Teilprojekt untersucht Raumkonflikte um den digitalen Marktplatz von Airbnb entlang der Raumfiguren Ort, Netzwerkraum und Territorium. Anhand des Vergleichs der Städte Berlin (Deutschland), Kapstadt (Südafrika) und San Francisco (USA) wird das spannungsgeladene Wechselverhältnis zwischen den Raumfiguren und dem Regime der digitalen Plattformökonomie erforscht. Mithilfe von umfangreichen Datenanalysen und Fallstudien liefert C07 wichtige Erkenntnisse zu Airbnb als Beispielfall für die Refiguration von Räumen im Kontext der Plattformökonomie.

C08: Architekturen des Asyls: Zirkulation von Governance-Ansätzen, Planungswissen, Designpraktiken und Materialitäten (Philipp Misselwitz)
Das Teilprojekt wechselt in der zweiten Förderphase von der Säule A in die Säule C durch eine Fokusverschiebung von subjektivem Raumwissen hin zu Zirkulationsprozessen. Basierend auf den Ergebnissen der ersten Phase untersucht C08 anhand von Fallstudien in Berlin, im Metropolraum Amman (Jordanien), sowie in Abuja (Nigerien), wie kommunale Planung von Infrastrukturen für Geflüchtete und Binnenvertriebene zunehmend durch translokal wirkende Konflikte und das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Raumfiguren (Ort, Netzwerkraum, Territorialraum, Bahnenraum) mit ihren politischen, rechtlichen und technischen Aspekten geprägt und verändert wird.

MGK: Integriertes Graduiertenkolleg (Martina Löw/Anna Juliane Heinrich/Séverine Marguin)
Das Integrierte Graduiertenkolleg zielt darauf ab, fachlich exzellente, hochmotivierte Promovierende mit Forschungsinteressen rund um die Refiguration von Räumen im interdisziplinären Verbund strukturiert zur Promotion zu führen und durch das umfangreiche, bedarfsgerechte Qualifikationskonzept auf eine weiterführende wissenschaftliche Karriere vorzubereiten.

INF: Forschungsdatenmanagement (Jan Goebel/Hubert Knoblauch)
Dieses Projekt zielt auf einen nachhaltigen Umgang mit der großen Bandbreite digitaler bzw. digitalisierter Forschungsdaten, die in den unterschiedlichen im SFB vertretenen Disziplinen bereits erhoben wurden bzw. noch erhoben werden und die in der dritten Phase des SFB intern und/oder extern in spezialisierten Forschungsdatenzentren nachgenutzt werden sollen. Ein Schwerpunkt des INF-Projekts liegt dabei auf den besonderen Anforderungen raumbezogener Forschungsdatenkorpora für ein SFB-weites Forschungsdatenmanagement.

Ö: Raummigration und Tourismus II: Imaginative und bildraumspezifische Kontexturen Venedigs (Stefanie Bürkle)
Den Grundsätzen einer sich auch selbst reflektierenden Wissenschaftsvermittlung entsprechend, konzipiert der SFB ein Öffentlichkeitsarbeits-Teilprojekt, das nicht nur die Forschung im SFB mit Mitteln der Kunst wiedergibt, sondern im SFB selbstständig eine dem Gegenstand des SFB gewidmete künstlerische Forschung betreibt. Thematisch liegt dabei der Fokus auf den glokalen Aneignungen Venedigs in unterschiedlichen Reproduktionen an verschiedenen Standorten. Im Kontext des künstlerischen Forschungsprojektes werden die Inhalte des SFB durch künstlerische Interventionen in öffentlichen Räumen von Berlin und Venedig und durch eine Kunstausstellung für eine interessierte Öffentlichkeit vermittelt.