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Stadt, Land, Konflikt

12. März 2021

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Ein Gespräch zu konfliktreichen Gemeinschaften und gemeinschaftlichen Konflikten auf dem Land

Ariane Sept im Gespräch mit Julia Paaß vom Netzwerk Zukunftsorte

Schon länger wird darüber debattiert, dass die ländlichen Räume für die urbane Mittelschicht zunehmend attraktiver würden. „Gefühlt will im Prenzlauer Berg jeder Zweite aufs Land“, titelte beispielsweise der Deutschlandfunk im Sommer 2019.[i] Auch die Forschung beobachtet eine „aktuelle Konjunktur des Ländlichen“[ii]. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie schwirrt der Begriff Stadtflucht noch stärker durch mediale Debatten. Mobiles Arbeiten und der Wunsch nach mehr Platz würden ländliches Wohnen zu einer echten Option werden lassen,[iii] steigende Immobilienpreise werden auch in ländlichen Räumen vermeldet.[iv] In der Wissenschaft wird schon lange argumentiert, dass die dichotome Trennung von Stadt und Land nicht länger haltbar ist, sondern durch eine zunehmende Hybridisierung der Raumformen abgelöst wird.[v] Mit Blick auf Dorfgemeinschaften hält sich jedoch gleichzeitig die Vorstellung einer „Etablierte-und-Außenseiter“-Figuration, wonach „Alteingesessene ihren Anspruch auf lokale Vorherrschaft gegenüber den Zugezogenen mit der Dauer der Ortszugehörigkeit rechtfertigen.“[vi]

Am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS)[vii] und zuvor in meiner Dissertation forsche ich seit einigen Jahren zu sozialen Innovationen in ländlichen Räumen. Häufig spielen dabei Zugezogene als Schlüsselfiguren eine besondere Rolle. Mit der breiten Rezeption der Studie „Urbane Dörfer. Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann“[viii] rücken seit 2019 vor allem in Berlin-Brandenburg jüngere Stadtmenschen in den Blick, die gemeinschaftlich aufs Land ziehen. Einige solcher Projekte haben sich als Verein im Netzwerk Zukunftsorte zusammengeschlossen und kürzlich ihre Vision 2030 veröffentlicht: „1.000 Orte für die Zukunft“ soll es 2030 in Ostdeutschland geben, die „digitales Knowhow, digitale Tools und soziale Techniken in die Fläche [bringen]. Sie leben das Konzept der Glokalisierung, sie sind lokal wertschöpfend und global vernetzt.“[ix]

Abb. 1: Gemeinschaftsküche eines „Zukunftsortes“ in Brandenburg. (Foto: Ariane Sept)

Inzwischen durfte ich mehrfach den Aktiven des Netzwerks begegnen, die mich mit ihrem Optimismus, Tatendrang und der Begeisterung für das ländliche Brandenburg faszinieren. Mich hat aber auch interessiert, welche Konflikte eigentlich auftreten, wenn solche Gruppen in ein Dorf kommen und größere Immobilien gemeinsam renovieren. Darüber habe ich mich im Januar 2021 mit Julia vom Netzwerk Zukunftsorte unterhalten, die aus Berlin Neukölln in ein kleines Dorf gezogen ist, in dessen Mitte sie mit 50 anderen Erwachsenen einen großen Vierseit-Hof zum Wohn- und Arbeitsort entwickelt. Da die entstehenden Wohnungen noch saniert werden, leben bisher nur wenige der künftigen Bewohner*innen im Dorf.

Ariane: Das Bild vom Leben auf dem Land ist ja voller Klischees. Da ist einerseits die Idee dörflicher Idylle, die sich in unberührter Landschaft, Naturnähe und gemeinschaftlichem Miteinander ausdrückt. Andererseits gibt es die Vorstellung, dass in Dörfern die Fehden und Feindschaften besonders stark ausgeprägt sind, was das Ankommen für Zugezogene kaum möglich macht. Juli Zeh hat diesem ambivalenten Verhältnis mit ihrem Roman „Unterleuten“ gewissermaßen ein Denkmal gesetzt. Wie seid ihr in eurem Projekt damit umgegangen?

Julia: Wir haben von Anfang an versucht, alle Entwicklungen transparent zu kommunizieren und offen auf alle zuzugehen. Schließlich soll auf dem Hof, der zentral mitten im Dorf liegt, mit der Dorfscheune ein für alle offener Ort entstehen. Das, was wir machen, ist die sichtbarste Veränderung hier im Dorf. Wir besetzen gewissermaßen das Dorfzentrum. Das ist natürlich am Anfang auch mit sehr viel Skepsis betrachtet worden, zumal es auch schon Vorgänger*innen gab, die sehr unglücklich agiert, viel versprochen und nichts getan haben. Und da gab es natürlich sehr viele Ängste und Abwehr oder zumindest Skepsis, inwiefern das tatsächlich etwas wird, und was wir für komische Leute sind oder vielleicht gar eine Sekte. Aber jetzt, wo seit Mitte letzten Jahres die Baumaschinen angerollt sind, zwei Gebäude instandgesetzt werden und die Dorfscheune tatsächlich gebaut wird, haben wir großen Respekt bekommen. Da sprechen uns jetzt auch Leute auf der Straße an: „Wenn ihr nicht wärt, dann wäre das Projekt nichts geworden, da sieht man mal, dass den Worten auch Taten folgen.“ Und das ist eigentlich eines meiner größten Learnings: Eigentum verpflichtet. Das heißt, wenn du Land oder Gebäude besitzt, dann musst du damit was anfangen. Das ist auch ein Statement. Wenn du den Vorgarten nicht in Ordnung hältst oder Gebäude oder Land, das dir gehört, nicht nutzt, dann ist das schlecht. Aber wenn du da was machst, dann hast du den Respekt der Nachbar*innen sicher. Dann kommen auch alle und haben eine Meinung oder leihen dir einen Bagger und helfen beim Steineklopfen.  Das ist ganz wichtig für das Zusammenleben.

Ariane: Das klingt jetzt ein wenig so, als gäbe es auf der einen Seite euch und auf der anderen Seite die Dorfbewohner*innen. Ist das wirklich so simpel?

Julia: Natürlich nicht. Innerhalb der Dorfgemeinschaft gibt es auch Auseinandersetzungen, die lange bestehen und wo es letzten Endes oft um Macht und Rechthaben geht. Gerade die mit dem größten Landbesitz stehen in merklicher Konkurrenz, auch um die Position als Ortsvorsteher. Wir sind mit unserem großen Hofgelände in dieser zentralen Lage nun auch ein solcher Player. Aber wir versuchen uns aus den Fehden rauszuhalten.

Ariane: In der Forschung gibt es – vor allem in Großbritannien – schon seit den 1990er-Jahren differenzierte Untersuchungen ländlicher Gentrifizierung.[x] Inzwischen wird mitunter bezweifelt, dass eine Unterscheidung von ländlicher und städtischer Gentrifizierung hilfreich ist. Stattdessen sollten die „Veränderungen des Ländlichen als Teil der Rekonfiguration des Urbanen konzeptualisiert werden.“[xi] Die Studie „Urbane Dörfer“ konstatiert gar: „[D]iese Orte bräuchten etwas von der vielgescholtenen Gentrifizierung.“[xii] Aber gibt es nicht auch in den Dörfern eine große Sorge, dass durch Zuzug am Ende z.B. größere Wohnanlagen genehmigt werden oder die Preise steigen?

Julia: Ja klar, die Leute wohnen auf dem Dorf, weil sie ihre Ruhe haben wollen. Das ist ja auch dieser Gentrifizierungsgedanke, denn jeder denkt gewissermaßen: „Nach mir soll bitte keiner mehr kommen, jetzt sind genug Leute hier“, sei es jetzt in Neukölln oder in einem Dorf. Das ist ja vielleicht auch menschlich, so nach dem Motto: „Ich bin deswegen dahingezogen und das soll bitteschön auch so bleiben.“ Die Tendenz, die ich wahrnehme, ist, dass die Leute, die negativ reagieren, nur an solcherart Zuzug denken, der Flächen befüllt und an Menschen, die irgendwie anders sind. Und das macht ihnen Angst.
Aber hier bei uns im Dorf sagen auch einige, sie haben keine Lust mit 50 auf ihrem Hof zu versauern und nichts mehr vorzuhaben, sinngemäß: „Ich würde gern mit Leuten in einer Kneipe sitzen, Kino und Kultur haben und noch was Neues lernen!“ Die engagiertesten und mutigsten im Dorf hoffen, dass mit den Neuen auch neue Energie kommt und Dinge passieren, die sie sich selbst wünschen. Ich glaube, dass diese Hoffnung und Lust auf Neues etwas ist, das man unterstützen und fördern kann. Und das ist es, was wir mit dem Netzwerk Zukunftsorte wollen: Nämlich, dass der Zuzug aufs Land auch gekoppelt wird an eine positive Entwicklung für alle und dass es nicht nur ein „Schönerwohnen“ oder „Günstigerwohnen“ für Städter*innen auf dem Land ist. Wir fragen uns, wie kann man es schaffen, dass mit dem Zuzug auch der Ausbau von Infrastrukturen und Treffpunkten und eine bessere Lebensqualität einhergehen.

Abb. 2: Typische Ansicht eines Brandenburger Dorfes. (Foto: Ariane Sept)

Ariane: Häufig geht es bei Projekten wie eurem darum, größere Objekte gemeinsam herzurichten und zu nutzen. Dabei werden die notwendigen Arbeiten oft gemeinschaftlich und Schritt für Schritt durchgeführt. Einige Akteur*innen aus dem Netzwerk berichten davon, dass solch ein Vorgehen zu Schwierigkeiten mit lokalen Ämtern führt, weil dies eine andere Art und Weise ist, mit dem baulichen Bestand umzugehen, als es klassischerweise das Verfahren erfordert. Wie sind eure Erfahrungen dahingehend?

Julia: Im Rahmen der Regeln werden wir unterstützt, aber die Regeln passen oft nicht zu unserem Projekt. Es ist hilfreich, dass wir einen guten Kontakt zu den Behörden pflegen, z.B. mit der Denkmalschutzbehörde. Die obere Denkmalschutzbehörde und der Landeskonservator verstehen die Chancen, die derartige Projekte bieten und sind dafür, dass sukzessive eine Erneuerung des Denkmalbegriffs stattfindet. Aber in der Praxis ist es dann oft schwierig. Die Struktur der Ämter führt dazu, dass die Sacharbeiter*innen, die letztlich entscheiden, wenig Handlungsspielraum haben bzw. sich nicht trauen oder keine Zeit haben, mögliche Spielräume zu nutzen. Eigentlich müssten sich die Behörden komplett neu aufstellen: flexiblere Richtlinien schaffen, ihre Mitarbeiter*innen weiterbilden und neue Menschen einstellen, die die Rechtssicherheit und das Wissen haben, Projekte individuell zu beurteilen und dabei auch soziale und gesellschaftliche Aspekte zu berücksichtigen. Mit der jetzigen Struktur und Gesetzgebung geht das nicht. Der kann man auch nicht mehr abverlangen, als einem halbwegs wohlgesonnen zu sein.

Ariane: Bisher haben wir über das Miteinander nach außen und mit den Nachbar*innen im Dorf gesprochen, aber wie ist das eigentlich innerhalb eurer Gruppe? Letztens hat mir jemand von einem anderen Zukunftsort erzählt, dass für ihn eigentlich das Verhältnis nach außen einfacher zu gestalten war als das Verhältnis der neuen Bewohner*innen untereinander. Am Anfang ist die Gruppe getrieben von der gemeinsamen Idee, vielleicht auch der romantischen Vorstellung, dass alle gemeinsam im Garten sitzen und arbeiten. Mit der Zeit stellen sich dann aber auch immer mehr Konflikte innerhalb der Gruppe ein.

Julia: Bisher sind wir ja noch nicht als Gruppe auf dem Hof, die meisten wohnen noch in Berlin oder woanders. Konflikte gibt es immer wieder. Das ist aber kein Wunder bei über 50 Erwachsenen. Wir sind auch immer dabei, unsere Kommunikation zu gestalten und zu überlegen, in welchen Formaten man was wie anspricht, wie man Entscheidungen fällt usw. Gerade wenn wir – wie jetzt – hauptsächlich digital kommunizieren. Aber das wird ein interessanter Moment, wenn dann wirklich ein Großteil der Menschen auf den Hof zieht. Vieles passiert auch, weil die Leute einfach noch nicht hier wohnen und nicht verstehen, was die Notwendigkeiten vor Ort sind. Total wichtig ist es z.B., Bäume, die auf das Nachbargrundstück fallen, sofort zu beräumen. Oder dass man sich darum kümmern muss, ob der Biber das Land unter Wasser setzt oder man Gebäude eben nicht verfallen lässt. Und dann wird mitunter darüber diskutiert, ob dafür nun Geld in den Verein einzuzahlen ist oder nicht.

Ariane: Machst du dir Sorgen, dass ihr an eure Grenzen stoßt?

Julia: Ach, da stoßen wir immer wieder dagegen. Aber die Erfahrung in der Gruppe, dass es immer mal Konflikte gibt und dass man die auch lösen kann, trägt sehr stark zur persönlichen Resilienz bei. Ich habe mir ein dickes Fell angelegt.

Ariane: Was für ein schönes Schlusswort, danke Julia!

Ich habe gelernt, dass die Vorstellungen einer „Etablierten-und-Außenseiter“-Figuration vielleicht sogar hilfreich sein können, wenn man bewusst als vermeintliche Außenseiter*innen in ein Dorf kommt und daraus Kraft und Mut schöpft, die eigenen Ideen offen und transparent zu kommunizieren. Denn auch wenn ich die These einer Hybridisierung des Urbanen und Ruralen plausibel finde, stoßen im Alltag offenbar städtische und dörfliche Vorstellungen aufeinander. Und ich habe gelernt, dass persönliche Resilienz offenbar als alltägliche Qualität Konflikte zum selbstverständlichen Teil des gemeinschaftlichen Dorflebens werden lässt.


Dr. Ariane Sept ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner und assoziiertes Mitglied am SFB 1265. Aufgewachsen im Speckgürtel bei Berlin, wollte sie immer in die Stadt oder richtig aufs Dorf, aber nicht im Dazwischen verharren. Heute wohnt sie in der Großstadt, forscht in Dörfern und arbeitet im Speckgürtel bei Berlin.


[i] https://www.deutschlandfunk.de/studie-gefuehlt-will-im-prenzlauer-berg-jeder-zweite-aufs.766.de.html?dram:article_id=456096

[ii] Baumann, Christoph (2018): Idyllische Ländlichkeit. Eine Kulturgeographie der Landlust. Bielefeld: transcript.

[iii] Beiträge finden sich in überregionalen und lokalen Tageszeitungen, in Wochenmagazinen und Special Interest Medien, Radio und Fernsehen inzwischen so zahlreich, dass ich auf eine Verlinkung einzelner Artikel verzichte.

[iv] Deutschlandweit stieg 2020 der Kaufpreis für Häuser auch in dünn besiedelten ländlichen Kreisen im Durchschnitt um 8,4%. https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-12/wohnungsmarkt-mieten-druck-metropolen-umland-corona-pandemie

In den Brandenburger Landkreisen wurden von 2018 bis 2020 Preisanstiege zwischen 18% (Oberspreewald-Lausitz) und 41% (Teltow-Fläming) verzeichnet. Unter den nicht an Berlin grenzenden Landkreisen führt die Uckermark mit 36%. https://plus.tagesspiegel.de/wirtschaft/preisexplosion-im-umland-in-diesen-landkreisen-brandenburgs-ist-der-immobilienkauf-noch-am-guenstigsten-96278.html

[v] z.B. Hofmeister, Sabine; Kühne, Olaf (Hg.) (2016): StadtLandschaften. Die neue Hybridität von Stadt und Land. Wiesbaden: Springer VS.

[vi] Laschewski, Lutz; Steinführer, Annett; Mölders, Tanja; Siebert, Rosemarie (2019): Das Dorf als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung und Theorie. In: Annett Steinführer, Lutz Laschewski, Tanja Mölders und Rosemarie Siebert (Hg.): Das Dorf. Soziale Prozesse und räumliche Arrangements. Berlin: LIT Verlag (Ländliche Räume, Bd. 5), S. 9.

[vii] https://leibniz-irs.de/forschung/projekte/projekt/smart-villagers-digitalisierungen-und-soziale-innovationen-in-laendlichen-raeumen

[viii] Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung und Neuland21 e.V. (2019): Urbane Dörfer. Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann. Berlin. https://www.berlin-institut.org/fileadmin/Redaktion/Publikationen/PDF/BI_UrbaneDoerfer_2019.pdf

[ix] Netzwerk Zukunftsorte (2020): Vision 2030. https://static1.squarespace.com/static/5ab7f3dab98a7888d760e112/t/5fd76579ab77727176ae3a86/1607951743201/Vision_Zukunftsorte_201214_lang.pdf

[x] z.B. Phillips, Martin (1993): Rural gentrification and the processes of class colonisation. In: Journal of Rural Studies, 9(2), S. 123–140.

[xi] Bernt, Matthias (2018): Gentrification between urban and rural. In: Dialogues in Human Geography, 8(1), S. 31–35.

[xii] Berlin-Institut, a.a.O., S. 4.